Neue Lebensräume für Generationen - wie kann gemeinsames Bauen und Leben gelingen?

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Improvisiertes Ständchen zur Einweihung der Anlage "Syngeria"

In Bempflingen soll ein neues Baugebiet mit ca. 2 ha entstehen, und zwar im Anschluss an die "Obere Au" in Richtung Riederich. 

Dies nahm der SPD-Ortsverein zum Anlass, Ideen und Anregungen zu sammeln, wie in einem solchen Gebiet etwas entstehen könnte, das Platz bietet für Jung und Alt als gemeinschaftliches Projekt. Eckhard Rahlenbeck hatte sich bereit erklärt, über seine Erfahrungen mit gemeinsamer Planung, anschließend gemeinsamem Bauen und mittlerweile erfolgreichem Zusammenleben im ehemaligen Egeria-Areal in Tübingen zu berichten.

Ausgangslage:

Eine Industriebrache mit einem denkmalgeschützten Gebäude der Firma Egeria

Nach ca. 6 Jahren bietet sich ein komplett anderes Bild:

Stadtviertel "Alte Weberei"

Aber der Reihe nach. Das Ehepaar Rahlenbeck wohnte mehr als 30 Jahre im eigenen Haus in Neckartenzlingen. Nachdem die drei Kinder das Haus verlassen hatten, machten sich die Eltern Gedanken, wie sie die zukünftigen Jahre, die sog. Dritte Lebensphase, wohnen und verbringen wollten. Diese Frage wurde auch im Freundeskreis diskutiert und spontan fiel der Entschluss, dass man gemeinsam planen könnte.

Damit begann eine spannende Phase, und zwar zunächst der "Partnersuche". Eine weitere Stufe war erreicht, als die Stadt Tübingen 2009 beschloss, die Industriebrache der ehemaligen Egeria-Textilfabrik aufzukaufen und in ein neues Wohnquartier umzuwandeln. 

Ergebnis eines Wettbewerbs: Bebauungsplan "Alte Weberei"

Ergebnis eines Wettbewerbs: Bebauungsplan "Alte Weberei"

Als Bauherrengemeinschaft bewarb man sich mit einem professionellen Projektbetreuer um ein Grundstück im neuen Quartier und bekam den Zuschlag. Es entstanden Planungen für 16 Parteien/Miteigentümer mit 41 BewohnerInnen, darunter 10 Kinder unter 10 Jahre und 7 Senioren in einer Wohngemeinschaft (Ältester 94 Jahre). Außerdem in der Anlage eine Arztpraxis, ein Carré Markt Nahversorger und ein Softwareunternehmen  im Parterre.  SYNGERIA war geboren.

Insgesamt beherbergt das Quartier 700 Einwohner.  Auf 4,5 ha entstanden 49 Gebäude, davon 24 Mehrfamilienhäuser, 25 Einfamilienhäuser, 21 Mehrfamilienhäuser als Baugemeinschaften, 3 durch Bauträger, 283 Wohnungen mit 28.700 qm. Es besteht eine ideale Busverbindung in die Innenstadt.

Auch mit von der Partie ist die Samariterstiftung mit einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für 7 Menschen mit Demenz. Mieter und Angehörige haben Verantwortung, Pflegedienstleistungen werden beauftragt. Motto: Volles Leben in zugewandter Nachbarschaft. 

Die Stadt Tübingen übereignete der Wohngemeinschaft das alte Trafo-Haus der Egeria, hier entstand ein Gemeinschaftsraum, der rege benutzt wird für gemeinschaftliche Aktionen.

Auch der Garten innerhalb der Anlage in Verbindung mit den umlaufenden Balkons sorgt für rege Kommunikationen. Das Thema Vereinsamung im Alter (jede 2. Frau über 65 lebt alleine, jeder 4. Siebzigjährige lebt ohne nähere Angehörige in der Nähe) ist hier kein Thema.

Abschließend wies Eckhard Rahlenbeck auf wirtschaftlich/finanzielle Aspekte hin:

Baugemeinschaften rechnen sich:

  • 10 bis 20 % günstiger als vom Bauträger
  • keine Profitmargen und Vermarktungskosten
  • Steuer und Gebühr nach Grundstücksanteil, nicht nach Wohnungskosten

Die Anwesenden stellten einige Fragen, die Vor- und eventuell auch Nachteile bzw. Risiken eines solchen Projektes wurden ausführlich diskutiert. Klar wurde aber auch, dass sich das Ehepaar Rahlenbeck viele Gedanken über die Chancen der Dritten Lebensphase gemacht hat und einen optimistischen Ausblick haben, den sie sehr gut vermittelten. Wer sich weiter informieren möchte, kann auch Eckhard Rahlenbecks Buch "Farben des Alters" - Wo Leben voll endet -  lesen oder wer eine halbe Stunde Zeit hat, könnte sich folgende Radio-Sendung anhören:

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/zukunft-quartier-neue-lebensraeume-mit-engagierter-nachbarschaft/-/id=660374/did=10502280/nid=660374/tggd6e/index.html

Text Voss

Fotos Rahlenbeck